Spannend waren Sie, die letzten Wochen. IHK-Projektmanagement Trainings, PM-Camps, Video-Trainings und unsere Jobs als Projektmanager bei etablierten Kunden. Aber irgendwie haben diese Wochen mich auch nachdenklich gemacht, weil mir wieder einmal klar wurde, wie groß die Kluft zwischen den – nennen wir sie einmal Freigeister – der PmCamp-Szene sind und der realen Arbeitswelt, besonders in klassischen Branchen.

Ein paar Beispiele hierzu:

Während beim PmCamp in Zürich über Themen wie „Führung neu denken“ und „agile Bezahlung“ von Mitarbeitern diskutiert wird, werden an anderer Stelle für die Bestellung von 2 USB-Platten (Wert rund 300 Euro), mehr als 10 Leute über einen Zeitraum von mehreren Wochen beschäftigt um ja prozesskonform zu handeln.

PMCampZUE Summary
PmCamp in Zürich – unsere visuelle Zusammenfassung

 

Während Olaf Hinz, Stefan Hagen und Heiko Bartlog sich Gedanken über das Projektmanagement 2025 machen und – meiner Meinung nach – sehr sinnvolle Thesen formulieren wird meine Frage, warum die Teilnehmer einen Projektmanagement-Kurs besuchen, mit den allgegenwärtigen Argumenten: Ich brauche das Zertifikat, um in meinem Unternehmen überhaupt eine Aufstiegschance zu haben, beantwortet.

Andreas Messerli von der Firma me&me |coaching for organizations brachte es am PmCamp Zürich für mich auf den Punkt: „Jeder will Veränderung, so lange er nichts bei sich selbst ändern muss“. Und genau das ist es. Ich hatte vor kurzem einen Blogartikel zum Thema „liminial thinking“ geschrieben, in dem es kurz gesagt darum ging, dass nur jeder selbst etwas ändern kann, indem er seine Komfortzone, Filter Bubble – oder wie Ihr sie auch immer nennen wollt – verlässt. Aber viele schaffen es einfach nicht!

Ich frage mich also, wie kann man Brücken bauen bzw. den Menschen helfen, andere Sichtweisen zumindest einmal wahrzunehmen und darüber nachzudenken. Ein Mittel – auch das habe ich bemerkt – ist die Visualisierung. Auch hierzu ein kleines Beispiel: Wir hatten einen wunderbaren Tag auf der PM-Welt in München. Dort platzierten wir eine Graphic Wall um ein sogenanntes Low-Tech Social Network aufzubauen. Die Idee war simpel: Jeder Teilnehmer hatte die Möglichkeit sich mit einem kleinen Selbstportrait auf der großen Leinwand zu verewigen, dieses Portrait sollte die Person durch seinen Namen und seine Interessen ergänzen. Nachdem sich ähnliche Interessen bei Teilnehmern herauskristallisierten, verbanden wir diese Teilnehmer durch Pfeile und Linien, so dass ein Netzwerk mit insgesamt über 140 Teilnehmern entstand. Zu Beginn war die Wand relativ leer und so versuchten wir Teilnehmer zu animieren sich auf der Wand zu verewigen, eine Stimme war: “So einen Kindergarten-Schmarrn mache ich nicht“! Kurze Zeit später, als sich die Wall immer mehr füllte, zeichnete die Person sich (vermeintlich unbeobachtet) auf die Wand und verknüpfte seine Interessen selbst mit anderen Teilnehmern, deren Vorlieben ähnlich gelagert waren. Immerhin er hat sich bewegt.

"The Wall" komplett

Dieses Phänomen bestätigt sich auch in unseren Workshops: Während zu Beginn nahezu alle Teilnehmer fest der Überzeugung sind, nicht zeichnen zu können, sind sie gegen Ende der Veranstaltung kaum mehr von den Flipcharts wegzubekommen.

Mein Plädoyer lautet daher:

Wir brauchen alle mehr Mut und Verständnis! Mut bei der Umsetzung neuer, vielleicht unbequemer Aspekte, aber auch Verständnis für die jeweils andere Seite. Weder hilft es die „PM-Freigeister“ als Spinner zu titulieren, noch sind die vielen Mitarbeiter in klassischen Organisationen nur faul oder karrieregeil, weil sie sich an die vorgegebenen Prozesse und Richtlinien klammern. Oft verbirgt sich dahinter nur eine Kombination aus trügerischer Sicherheit (welcher Job ist heute noch sicher?) und jahrelang eingebläuten Mechanismen („Karriere ist wichtig“, „Wenn ich mehr verdiene bin ich wichtiger“, „Ich muss top performen um meinen Bonus am Jahresende zu ergattern“).

Was meine Projektmanagement-Trainings angeht bedeutet das für mich: Ich werde die Teilnehmer unterstützen, dass Sie die Prüfung bestehen und Ihr Zertifikat bekommen. Ich werde aber auch nimmer müde erwähnen, dass Projektmanagement viel mehr ist als reine Methodenkenntnis. Mir ist es wichtig, auch Themen wie Haltung, Führung, Politik, Menschlichkeit, Empathie, Gruppendynamik ständig in das Training einfließen zu lassen und damit versuchen, eine kleine Brücke zwischen den Welten zu bauen und mehr Verständnis zwischen den Inselbewohnern herzustellen.

Macht mit, oder um es mit den Worten von Muhammad Ali zu sagen:

 

„Me, we!“

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One thought on “Von Inselbewohnern und Brückenbauern

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